Süddeutsche Zeitung, www.sueddeutsche.de, 29.11.2013

2013 29/11 SueddeutscheZeitung

„In Augsburg kümmern sich Manager als ehrenamtliche Mentoren um ausländische Fachkräfte. Zum Programm des Pilotprojekts gehören nicht nur Geschäftstermine, sondern auch Spaziergänge.

Augsburg. Das Datum, an dem Petar Ivanov sein neues Leben begann, wird er vermutlich nie vergessen. „Es war der 19.Oktober 2012“, berichtet der 29-jährige Bulgare. Mit Ehefrau und einjähriger Tochter kam er von der Schwarzmeer-Stadt Varna nach Augsburg. Ein Jahr ist das nun her, heute spricht Ivanov schon fast fehlerfreies Deutsch. In seinem vorherigen Leben war er Sales Manager mit einem Monatsgehalt von 2400 Eur, davon kann man in Bulgarien eigentlich gut leben. Dennoch wagte er den Sprung nach Deutschland - ohne große Sprachkenntnisse, ohne Arbeitsplatz. „Ja“, sagt er, „das ist interessant und verrückt.“ Er schmunzelt etwas schüchtern, indem er einen Mundwinkel nach oben zieht.

Inzwischen ist er im Amazon-Logistikzentrum in Graben zum Vorarbeiter aufgestiegen. Aber damit ist er längst nicht zufrieden. Nach Feierabend nimmt er an einem spannenden Pilotprojekt teil, das derzeit in elf Augsburger Unternehmen läuft: Die „Mentoring-Partnerschaft“. Das klingt etwas sperrig und ist so etwas wie eine Business-Partnerbörse, in der Integration vorgelebt und Potenziale gehoben werden. Einerseits werden Vorurteile und Fachkräftemangel bekämpft, andererseits werden unternehmen fit gemacht für den globalen Wettbewerb.

Das in Kanada entwickelte Mentoring-Projekt führt qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland mit heimischen Firmen zusammen. Dabei kümmert sich immer ein ehrenamtlicher Mentor vier Monate lang um eine Person aus einem fremden Land, die hier Karriere machen will. Von dem Kontakt sollen beide Sieten profitieren: Die Arbeitnehmer bekommen Einblicke in die Netzwerke und das Know-how ihrer erfahrenden Mentoren. Die aufnehmenden Unternehmen ihrerseits finden im besten Fall neue, motivierte Mitarbeiter, die wiederum ihre internationalen Erfahrungen und Kontakte mitbringen.

Elf derartige Tandems sind derzeit im Großraum Augsburg aktiv, mit dabei sind Arbeitgeber wie der FC Augsburg oder auch die Stadt Augsburg. „Das ist ein hervorragendes Projekt“, sagt Oberbürger meister und Schirmherr Kurt Geibl (CSU), „auf diese Idee hätte die Stadt selbst kommen müssen.“ An ihn seien schon mehrere Unternehmer „mit dem Ruf nach Facharbeitern mit Migrationshintergrund“ herangetreten. Das Projekt helfe, diesen „großen Bedarf“ zu befriedigen.

In München läuft derzeit ein ähnliches Projekt beim Sozialreferat an - in Augsburg sind die Organisatoren schon einen Schritt weiter und feiern ihre ersten Erfolgserlebnisse.

Petar Ivanov trägt dunkelgrauen Anzug und eine blaue Krawatte. Er ist Master of Management und hat bereits im Management und Marketing gearbeitet. Sein Mentor Thomas Halbritter ist Key Account Manager bei der Logistic-Mail-Factory, einem privaten Briefdienstleister. Der 40-Jährige ist verantwortlich für Gewinnung und Betreuung von Großkunden. „Wir sind beide Verkäufer, wir verstehen uns“, sagt Halbritter.

Viermal haben sie sich bereits getroffen. „Petar, fang du ruhig an“, sagt Halbritter nach der ersten Frage, „das ist auch eine gute Übung, dein Deutsch zu verbessern.“ Ivanov erzählt vom ersten Termin in einem Café: „Wir haben die Ziele abgesteckt, was möchte ich erfahren, wo möchte ich mich verbessern?“ Beim zweiten Treffen war Ivanov schon bei einem Geschäftstermin dabei. „Ich war überrascht, dass die Kollegin direkt neben ihm saß“, erzählt er, „in Bulgarien ist das nicht üblich.“ Ansonsten studiert Ivanov mithilfe von Halbritter, „wie die Prozesse hier funktionieren und wie die Unternehmen und der Verkauf organisiert sind.“ Das nächste Treffen ist ein Spaziergang am Lech. „Wir wollen über den Mindestlohn debattieren, damit ich diskutieren übe“, sagt Ivanov. „Danach nehme ich ihn zu den Wirtschaftsjunioren und zum Marketing-Club mit“, sagt Halbritter.

Einmal im Monat treffen sich alle Tandems zu einem Stammtisch.

Dazu kommen vereinzelte Workshops. Interkultureller Input: Zum Aufwärmen bitten die Trainerin aus den USA und der Trainer aus Sri Lanka alle Teilnehmer, einander die Hände zu schütteln - und dabei auf die kulturellen Unterschiede zu achten. Danach sprechen sie über Feinheiten. Feinheiten, die im Verkaufsgespräch über Erfolg oder Misserfolg entscheiden können.

Koordiniert wird die Mentoring-Partnerschaft vom gemeinnützigen Augsburger Verein „Tür an Tür - Integrationsprojekte“. Das Geld kommt vom „Netzwerk IQ“, einer Initiative des Bundesarbeits- und Bundesbildungsministeriums sowie der Agentur für Arbeit. „Bislang stimmt in  allen Tandems die Chemie“, sagt Koordinatorin Sevda Kolkiran. „Es gab noch keine Beschwerden“, betont sie lächselnd und klopft dreimal auf den Tisch. Petar Ivanov schaut mit großen Augen zu und sagt dann: „Wir klopfen immer unter dem Tisch.“ Wieder eine neue Geste gelernt.

Dass er ausgewandert ist, bereut Ivanov nicht: „Hier gibt es zwar leider kein Meer, aber das war die richtige Entscheidung.“ Sein Fernziel ist es, im Bereich Coaching und Beratung tätig zu sein, „aber ich weiß, dass mein Deutsch noch besser werden muss.“ Mentee-Kollege Szabolca Silye aus Ungarn hat sien Ziel bereits übertroffen. Sein Mentor hat ihm einen Kontakt zu einem Unternehmen vermittelt, dieses hat ihn als Maschinenbau-Ingenieur angestellt. „Bislang habe ich Schichtarbeit gemacht“, sagt Silye, „das war unter meiner Qualifikation, die neue Stelle ist jetzt perfekt.“ Fast noch mehr als der 34-Jährige freut sich Koordinatorin Kolküran über diese Nachricht: „Super, so kann es weitergehen.“ Nach vier Monaten laufen die Partnerschaften aus. „Mal schauen, ob wir danach noch was miteinander unternehmen“, sagt Thomas Halbritter. Er und Ivanov lachen. Das Montoring-Projekt läuft noch ein Jahr, die Organisatoren suchen weitere Mentoren. Auf ihrer Warteliste stehen 26 gut ausgebildete und hoch motivierte ausländische Arbeitskräfte.“

(Von Stefan Mayr)

„Interessante Geschichte.“

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